Bevor die Fetzen fliegen: Wie können Sie Ihr Kind bei der Berufswahl unterstützen?

Was möchte ich werden? Vor dieser Entscheidung stehen alle Jugendlichen vor ihrem Schulabschluss. Aber auch Eltern müssen sich dieser Frage stellen – denn sie kennen ihr Kind und können es bei der Berufswahl daher gut unterstützen.

In der Phase, in der die Kinder in das selbstständige Erwachsenenleben starten, steigt die Anspannung in der Familie. Ihre Erwartungshaltung und die Ihres Kindes prallen aufeinander: Wie viel Einmischung ist hilfreich und wo müssen Sie Entscheidungsfreiraum lassen?

Das klassische Eltern-Kind-Verhältnis bricht in diesem Lebensabschnitt auf, die Rollenverteilung ist nicht mehr eindeutig: Viele Kinder stecken noch in der Pubertät oder befinden sich gerade in deren Endphase und möchten als gleichwertiges Gegenüber respektiert werden.

Studien zeigen, dass den Jugendlichen der Rat der Eltern sehr wichtig ist – auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Nutzen Sie diesen Einfluss und unterstützen Sie Ihr Kind aktiv!
Ihre Kinder kommen über Sie zum ersten Mal mit dem Thema Beruf/Arbeit in Kontakt. Erzählen Sie daher zu Hause von Ihrer Arbeit: Sprechen Sie darüber, womit Sie den Arbeitstag verbringen und welche Aufgaben Sie haben. Was mögen Sie an Ihrem Beruf, worüber haben Sie sich heute gefreut oder geärgert? Sprechen Sie das Thema Berufswahl frühzeitig und offen an. So zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie es mit der Entscheidung nicht alleine lassen. Geben Sie Anregungen, machen Sie Vorschläge und stellen Sie Fragen.
Die Berufsorientierung beginnt schon im Kindergarten und in der Grundschule. Begabungen und Interessen der Kinder werden auf- und ausgebaut. Im Idealfall wird bereits hier immer wieder der Bezug zur Berufswelt hergestellt. Sehen Sie es als laufenden Prozess: Sprechen Sie das Thema immer wieder an – ganz ungezwungen beim Mittag- oder Abendessen oder bei Ausflügen.

Stressig wird es, wenn das Ende der Schulzeit in Sicht ist und Ihr Kind noch keine Vorstellung hat, was es beruflich machen möchte. Darum sollten Sie zwei bis drei Jahre vor dem Schulabschluss das Thema konkret angehen. Bei einem ausreichenden Zeitpuffer hat Ihr Kind die Gelegenheit, in verschiedenen Praktika seine Berufswünsche in der Realität zu prüfen. Das ist insbesondere dann hilfreich, wenn verschiedene Berufswege interessant erscheinen. Zu Beginn der Abschlussklasse sollte Ihr Kind einen Plan und ein Ausweichszenario haben, denn zu diesem Zeitpunkt beginnt bereits die Bewerbungsphase.
Sie haben Angst, dass die Entscheidung für einen bestimmten Beruf nicht richtig ist und sich Ihrem Kind dadurch viele andere Optionen verschließen?

Keine Sorge, die Wahl des Ausbildungsberufs ist nur der erste Schritt: Weiterbildung, Spezialisierung, Berufs- und Unternehmenswechsel sind heutzutage an der Tagesordnung. Zufriedenheit im Berufsleben hängt nicht nur von der Wahl des Berufs, sondern auch von der persönlichen Entwicklung, den Umständen im Betrieb und den Kollegen ab. Innerhalb eines Berufslebens ergeben sich somit viele Optionen – denn die Mehrzahl der Karrieren verläuft nicht geradlinig, sondern mit Umwegen.
Das sehen Ihre Kinder sicherlich anders. Klären Sie von Anfang an, wie stark Sie sich als Elternteil in die Berufswahl und Bewerbungen mit einbringen sollen. Zum Beispiel können Sie Ihr Kind auf einer Skala einzeichnen lassen, wie viel Verantwortung es selbst für die Bewerbung übernimmt und wie viel die Eltern. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder die Verantwortung der Eltern oft bei ca. 70% sehen.

Denken Sie daran: Kinder können nur selbstständig werden, wenn Sie ihnen dafür Raum geben. Am besten also nicht jeden Tag fragen, wie der Stand der Bewerbung ist.
Formalitäten, Lebenslauf, Anschreiben – viele Jugendliche sind davon zunächst überfordert. Lassen Sie sich davon aber nicht verleiten, zu stark beim Verfassen der Bewerbung mitzuwirken. Ein Personaler merkt schnell, ob ein Jugendlicher oder die Eltern das Bewerbungsschreiben aufgesetzt hat.

Lassen Sie also Ihr Kind selbst das Bewerbungsschreiben gestalten und werfen Sie erst danach einen Blick darauf.

Auch wenn Jugendliche unabhängig wirken wollen, werden sie beim Thema Vorstellungsgespräch mit Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert. Fragen Sie nach, wie es ihnen geht, machen Sie Mut, erzählen Sie von eigenen Erfahrungen – insbesondere, wenn Absagen kommen.
Hinter Desinteresse an Beruf und Karriere verbergen sich oft Unsicherheiten seitens des Kindes. Versuchen Sie trotzdem, das Gespräch zu suchen. Dabei ist es hilfreich, sich auf Stärken und Potenziale zu konzentrieren: Lassen Sie Ihr Kind Listen aufstellen – vielleicht wird es sich der eigenen Stärken erst bewusst, wenn es genauer hinschaut.

Null-Bock-Haltung aufgrund von Unsicherheiten können Sie durchbrechen, indem Sie Ihr Kind „an die Hand nehmen“ und es insbesondere bei den ersten Schritten der Berufswahl enger begleiten. Ihr Optimismus suggeriert dem Kind „Du gehst deinen Weg“, sodass es anfängt, eigene Perspektiven zu erkennen und zu verfolgen.
Bei dieser Frage spielen zwei Perspektiven eine Rolle: Zum einen weiß Ihr Kind vielleicht selber sehr genau, wofür es sich begeistert und was ihm Freude macht – fragen Sie ganz direkt danach. Neben der Selbsteinschätzung ist es für Ihr Kind hilfreich zu wissen, wie andere es wahrnehmen. Überlegen Sie: In welchen Situationen nehme ich mein Kind als stark und kompetent wahr? Im nächsten Schritt helfen spezielle Interessens- und Kompetenztests weiter, zum Beispiel der Berufe-Checker auf dieser Website oder das Matching auf whatchado.de
Bei der Berufssuche gibt es an dieser Stelle häufig Meinungsverschiedenheiten zwischen Eltern und Kindern. Erstere möchten vor allem dafür sorgen, dass die Zukunft ihres Kindes gesichert ist – die Jugendlichen hingegen möchten ihre Träume verfolgen.

Kopf oder Herz, Vernunft oder Träume: Was davon überwiegt, ist Typsache und so gibt es auch Jugendliche, die ihre berufliche Zukunft (unabhängig von ihren Eltern) in einem stabilen, sicheren Umfeld sehen. Andere Jugendliche legen auf Sicherheit nicht so viel Wert und entscheiden sich für eine „unvernünftige” Karriere.

Bei der Berufswahl sollte grundsätzlich im Vordergrund stehen, dass der Beruf mit Freude ausgeübt wird und zur Person passt. Wer allein aus finanziellen Gründen einen Beruf ergreift, wird darin nicht erfolgreich sein.
Wenn sie von Ihren eigenen Eltern in eine Ausbildung gedrängt wurden, selbst aber lieber Abitur gemacht hätten (oder andersherum), übertragen Eltern dies häufig auf das eigene Kind. Hinterfragen Sie sich und überlegen Sie: Was sind meine eigenen ungelebten Wünsche, die ich auf meine Kinder projiziere? Seien Sie sich selber gegenüber kritisch, denn meistens passiert das ganz unbewusst.

Der Gedanke „Ich will doch nur Beste für dich.“ ist an dieser Stelle fehl am Platz: Es geht nicht um das, was Sie wollen, sondern um die Wünsche Ihres Kindes.
Ausreden ist hier der falsche Ansatz. Konfrontieren Sie Ihr Kind mit Fakten: Erklären Sie, was wirklich hinter dem Job steckt, denn oft haben Kinder eine falsche oder idealisierte Vorstellung des Berufs. Welche Anforderungen muss man erfüllen, wie sind die Berufsaussichten? Oft erkennen die Jugendlichen selbst, dass der Beruf für sie nicht geeignet ist.

Finden Sie heraus, welche Motivation hinter dem Berufswunsch steckt, auch wenn er auf den ersten Blick abwegig erscheint. Ist dem Kind Selbstständigkeit, Kreativität oder die Arbeit mit anderen Menschen wichtig? Sobald Sie die Grundmotivation kennen, können Sie gemeinsam nach Alternativen suchen und die Wünsche in realistische Bahnen lenken.

Dennoch sollten Sie im Hinterkopf behalten, dass sich die Berufswelt stetig verändert. Das bedeutet auch, dass sich inzwischen Berufe etabliert haben, die vor 20 Jahren noch nicht existierten oder einen schlechteren Ruf hatten. Die Kinder einer neuen Generation ergreifen auch die Berufe einer neuen Generation – auch wenn sich dieser Wandel für Sie zunächst falsch anfühlt.